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if you got it, give it – PROTOKOLL TAG 2


Öffentliche Diskussionen und Beratungen zum Leitungswechsel, 21.-23.10.2021

Foto: Luzie Marquardt

TAG 2, Freitag, 22.10.

Privilegien erkennen, Vorurteile und Barrieren abbauen – wie geht das?

Moderation: Nadine Seidu (Kulturwissenschaftlerin, ISD Stuttgart)

Beginn: 18:00 Uhr.

Nadine Seidu begrüßt, stellt Programm vor, stellt Awarness-Beauftragte Mandy vor, die angesprochen werden kann bei Diskriminierungen oder Nachfragen dazu. Stellt die Feedback-Wände und Rückmeldungsprinzipien vor. Berichtet zu „Rampe 23“.

Paula Kohlmann führt ein, stellt den Prozess vor, den sie seit April gestartet haben, nennt Handan Kaymak. Anna Bakinovskaia berichtet, wie die Idee aufkam, den Leitungswechsel mit in den Prozess einzubinden und die Ausschreibungen mit einer Beraterin zu formulieren, sowie die Findungskommission diverser aufzustellen.  Kathrin Stärk ergänzt, dass dies nur der Anfang vom Prozess ist, davor mit dem Team und Beirat ins Gespräch gegangen zu den Ideen, dankt ihnen. Paula Kohlmann sagt, dass konsequente Veränderung sehr viel Zeit und Hingabe braucht, Unterstützung, Gelder etc. Es wird nie einen rassismusfreien oder barrierefreien Raum geben, was aber hilft ist, sich über Barrieren bewusst zu werden.

 

Unsichtbare Barrieren in Kulturinstitutionen

Input von Emilija Tolj (Bond ASAP) 

Emilija Tolj: stellt sich und BOND ASAP vor. Weist darauf hin: Nichts was ich sage ist absolut.

Studiert Architektur und Stadtplanung und will sich ihrer Verantwortung mehr bewusstwerden. These: Menschen gehen gerne an Orte, wo sie sich vertreten fühlen. Deswegen sind „safe spaces“ sehr wichtig. Definiert Ableismus: System, welches Menschen auf gesellschaftliche Normen reduziert. Basiert auf Kolonialismus, Kapitalismus, Misogynität… Führt zu gesellschaftlicher Wertevergabe für Menschen. Inklusion bedeutet gemeinsame Lösungen zu finden, von denen alle profitieren. Wie kann man Barrieren in Kulturbereichen abbauen? Wer ist betroffen: erläutert verschiedene Barrieren, u.a. sind Barrieren fehlende Trigger Warnungen oder Hinweise, z.B. für Menschen mit Epilepsie.

Nicht-behinderte Menschen legen Normen fest, an denen sich orientiert wird. Vielfältige Gruppe an Menschen ist notwendig, um Teilhabe zu realisieren und möglich zu machen. Wir müssen unsere eigenen größten Kritiker* sein. Alles, was man tut, hinterfragen. Das Ziel ist, dass unsichere Menschen sich durch Repräsentation wohlfühlen zu lassen und sie ansprechen.

Moderatorin Nadine Seidu: Welche Bedeutung hat Klassismus für dich?

Emilia Tolj: Zweite Generation Migrantin, Eltern haben nicht so viel Zeit, ins Theater etc. gehen. Familieneinfluss darf nicht unterschätzt werden. Klassismus ist besonders in Kulturinstitutionen sehr präsent und mit einer der wichtigsten Gründe für die heutige Veranstaltung.

Paula Kohlmann: Du versuchst an der Uni, anders zu denken. Wie ist es dir möglich, bei Lehrenden oder Studierenden etwas zu bewegen?

Emilia Tolj: Sitzt hier, weil sie die Uni sehr kritisiert hat, Texte, die gelesen werden, Inhalte… Dann lernt man andere kennen, die einem auch rückmelden, dass sie das gut finden. Uni Stuttgart ist sehr frei im Schaffen. Nächstes Projekt soll Inklusion als Grundstandard schaffen. Für nicht behinderte Menschen Barrieren in Räumen, die für Behinderte barrierefrei sind. Um etwas zu bewegen, zu realisieren.

Moderatorin: Es gibt einen Guide, der Barrieren in Kultureinrichtungen aufzeigt. R23 beschäftigt ihr euch damit?

Anna Bakinovskaia: Erzählt von Barrierefreiheitsprojekt, Realisieren der Barrieren und dem Maßnahmenplan und verweist auf nachfolgenden Beitrag.

Gast: Wenn dir Barrieren auffallen, gibst du Rückmeldung oder verlässt du den Raum?

Emilija Tolj : Stigmatisierung ist wahnsinnig groß, sehr unangenehm für Menschen mit Behinderung direkt Rükckmeldung zu geben. Marginalisierte Menschen sind auf vielen Ebenen unterbezahlt. Es sollte nicht die Aufgabe der eingeschränkten Menschen sein, die Fehler aufzuzeigen.

Moderatorin: Es gibt auch Mittelwege. Mit Experten* von außerhalb. Schutzstatus als Expert* schützt die Person strukturell, die die Energie reinsteckt.

Gast: Welche Rolle kann das Internet bei der Öffnung spielen? Positiv: durch Kommunikation neue Räume.

Emilija Tolj: Unfassbar hilfreich, so viele Infos wie möglich bereitzustellen. Wer, was, wo, wie…

 

19:15 Ableismus und Barrieren im Theater –

Inputs von Studierenden der Pädagog. Hochschule Ludwigsburg

Anne-Kathrin Pawlik und Iara Peters: Berichten von Zusammenarbeit mit dem Theater Rampe zum Thema Barrierefreiheit. Fokus auf materielle Barrieren, Seh-/ Geh- / Hörbehinderungen. Experten* in eigener Sache sollten Barrieren aufzeigen. Verschiedene Organisationen, mit denen sie kooperiert haben. 13 Menschen haben sich gemeldet. 3 mit Seh-, 3 mit Gehbehinderung. Interviews mit den 6 Menschen. Mit ihnen wurden Begehungen gemacht und Barrieren und mögliche Maßnahmen dokumentiert. Gibt natürlich Widersprüche auch. Maßnahmenkatalog erstellt, mit sofort umsetzbaren Maßnahmen und bereichsübergreifenden Maßnahmen.

Beispiele für Barrieren:

Anne-Kathrin Pawlik und Iara Peters : Eingangsbereich mit Treppenfrei-Zugangs-Schild. Rückmeldungen hierzu: Nicht gut sichtbar, Gestaltung unverständlich. Ungute Kennzeichnung, Rollstuhlsymbol, Pfeile für den Weg…

Zugang für Rollstuhlfahrer: Bodenmarkierung, Kennzeichnung, Bezeichnen. Schwierigkeiten bei dem barrierefreien Zugang: Türen gehen in entgegengesetzte Richtung auf, Pflanzen im Weg.

Sofort umsetzbare Maßnahmen: Durchgänge freihalten, Behindertenparkplatz freihalten, nicht „nur heute, nur kurz darauf parken“. Dadurch werden behinderte Menschen ausgeschlossen.

Fazit: Interviews waren sehr aufschlussreich. Nicht alle Maßnahmen sind umsetzbar. Positiv überrascht vom Engagement und Interesse der Betroffenen  am Projekt. Expertise ist nicht als selbstverständlich und kostenlos anzusehen. Awareness und Hilfsbereitschaft sind essenziell, um Barrieren gemeinsam umgehen zu können. Viel zu tun. Lückenlos ist Barrierefreiheit nicht möglich.

Gast: Sehr spannend. Zwei Fragen. Was für Berührungspunkte hattet ihr davor mit beh. Menschen. Hat sich durch diese Interaktion etwas daran geändert?

Anne-Kathrin Pawlik und Iara Peters: Nebenjobs, Praktika, viel Kontakt und Berührungen mit Gehbehinderungen. Sichtweise hat sich geändert bei der Wahrnehmung von Barrieren. Leitsysteme, Beschilderungen. Wie viele Barrieren es tatsächlich gibt.

 

Erfahrungen aus der Praxis: Beitrag Peter Luttringer (Nikolauspflege) und Jasmin Schädler (die apokalyptischen tänzerin*nnen)

Jasmin Schädler und Peter Luttringer stellen Zusammenarbeit am Projekt „Wunderland“ vor. Zu Beginn die Frage: wie kann man Performancepraxis barriereärmer gestalten. Peter ist fast blind, selbst Musiker, Lust auf Austausch. War bei den Proben dabei. Gemeinsames Nachdenken über: Wie kann man Interaktionsprozesse gestalten und verändern, um Audio-Deskription zu umgehen. Dramaturgische Zusammenarbeit, nicht nur „Betroffenen-Beratung“.

Viele Szenen sind sehr beschreibend, das haben sie versucht zu verstärken.

Wichtiger Bestandteil: Bühnenbegehung: vorher im Bühnenraum Kostüme und Bühnenteile anfassen. Verstellen von Stimmen erfahrbar, alles im Vorhinein erlebbar.

Vorbereitung: Pilotprojekt, es wird aufgrund weniger Beschäftigung davor sehr zeitintensiv. Wenn man nachjustieren muss, dauert es viel länger als mit entsprechender Vorarbeit.

P A U S E

20:00 Rassismen: zwischen Rahmen, Linien und Reflektion

Input und Gespräch von und mit Melanelle B. C. Hémêfa (Bildungsreferentin und Autorin)

Melanelle Hémêfa : Forderungen: Würde. Atmen dürfen, Sicherheit. Nahrung. Ende des Imperialismus. Kapitalismus. George Floyde, Breonna Taylor. Das Recht auf Unversehrtheit. Mensch sein dürfen. Fordern und Fördern zugleich. BLM. Antwort ALM. Wenn ALM, warum gibt es keine Gerechtigkeit. Für BIPoC. The danger of a single story. Narrativ wird geboren, mit dem die Rahmenlinien unterstützt werden, Macht und Gewalt werden legitimiert und Strukturen gefördert.

Geschichten bringen immer zwei Seiten einer Medaille. Je nachdem wer, wer wie vorkommt, können sie empowernd oder auch zerstörend sein. Geschichten von Menschenrassen von früher. Die einen sind besser als die anderen. Konstruiert Sprachen, Strukturen, Kultur, die man anpreist, Wissen, das man weitergibt, Medien. Überlegene Gruppe darf sich anderen überlegen verhalten. Kolonialismus wird zu Kulturgeschichte. Diskussionen, Fragen zu den kolonialen Teilen in DE. Amnesie produzierende Vergleiche mit Frankreich, wer darf über wen urteilen? Wer bestimmt über den Härtegrad des Kolonialismus?

Melanelle Hémêfa: Wo sehen wir die Betroffenen in den Medien? Wer bestimmt über wen? Immer noch. Verhandeln über das „noch“ suggeriert das Ok von diesen Strukturen. Weißes Theater mit weißen Darsteller*innen, wo bleiben die BIPoC Geschichten? Debatte um rechte Verlage, die da sein dürfen, BIPoC, die nicht da sind. Keine Stimme haben auf der Messe. Wütend sein. Es ist angebracht, wütend zu sein. Kritisches Reflektieren und aufeinander zugehen kann helfen, aber das muss auf Augenhöhe sein. Was Augenhöhe ist: nicht das, was in der Welt immer noch mit BIPoC passiert.

Was kann man machen? Zuhören. Ohne Aber als Antwort. Rassismus ist Gewalt. Sprachgewalt, Begriffe nicht mehr verwenden, die nicht die eigenen sind und Gewalt aufzeigen. Es gibt nicht DEN Rassismus. Es gibt Rassismen. Viele verschiedene Ebenen, wir sind keine homogenen Massen, sondern eine heterogene Gruppe. Und jedem Teil dieser Gruppe sollte zugehört werden. Gedenken an diejenigen, die den Strukturen zum Opfer fielen.

Melanelle Hémêfa: würde gerne ins Gespräch gehen. Welche Emotionen gehen euch durch den Kopf?

Moderatorin Nadine Seidu: Ich fühle mich erleichtert, dass eine zweite schwarze Frau im Raum sitzt. Passiert normalerweise im Arbeitsalltag nie.

Paula Kohlmann: Ich fühle große Sprachlosigkeit hier, liegt daran, dass im Publikum fast ausschließlich Weiße sitzen. Brauchen anderen Umgang damit. Wieso sind diese kolonialen Themen zum Beispiel in der Schule so wenig präsent?

Gast: Die weiße Gesellschaft ist zu fragil, um sich das selbst eingestehen zu können. Sie musste an ein persönliches Erlebnis einer Freundin denken.

Melanelle Hémêfa: Privilegien. Was bedeuten Privilegien? Was bedeutet die Auseinandersetzung mit ihnen?

Gast: Privilegien bedeuten für mich die freiwillige Entscheidung, sich mit Rassismus auseinanderzusetzen.

Gast: Wie ist deine (Melanelle) Erfahrung mit Emotionalität? Funktioniert das, ist das der Weg?

Melanelle Hémêfa:  Es gibt keinen einen Weg in dieser Gesellschaft. Emotionalität ist professionell, weil es ihre Realität ist. Sie steht zu ihrer Realität und lässt die Verantwortung für den Umgang damit bei ihrem Gegenüber. BIPOC Menschen sind keine Maschinen. Sie möchte darauf hinweisen, dass sie fühlt und dass sie will, dass man ihr zuhört, egal wie sie fühlt.

Paula Kohlmann: Wie geht es dir damit, in weiße Institutionen zu kommen und solche Inputs zu geben?

Melanelle Hémêfa:  Hat es bewusst gewählt. Sie hatte vor ihrer Aktivismus Zeit keine Worte dafür, was Rassismus ist. Aufklärung. Wissen weitergeben. Sie wechselt ihre Rollen ab und ist nicht nur die Lehrende.

Moderatorin Nadine Seidu: Warum ist dieses Thema so wichtig für Kulturbetriebe? Hierarchien in Kulturbetrieben. Die Erinnerungskultur sei, seit sie da wäre, emotional. Deswegen muss man in Kulturinstitutionen über so etwa sprechen.

Melanelle Hémêfa:  Findet den Prozess sehr schön. Alles überdenken, bei dem Prozess R23. Sprache, Räume, beteiligte Person.

Gast: Rückmeldung: Danke. Wie sie sich fühlt im Nachhinein. Total schlecht gefühlt, da sie ihre Gefühle nicht aussprechen konnte. Dafür Danke.

Melanelle Hémêfa: Versteht die Reaktion des Unwohlseins. Das macht die rassismuskritische Haltung so schwer. Wie geht man damit jetzt um.

Gast: Ja, es muss mehr Momente des Austauschs darüber geben, auch in Institutionen.

Moderatorin: Beendet die Runde. Danke Theater Rampe. Weist auf morgen hin.

21:00 Ausklang an der Bar mit Schallplattenunterhaltung mit DJ Sara Now.


Protokoll zum Download: 2.TAG_if you got it, give it,